"Cantar d'amore"

Lieder über die Liebe aus der italienischen Renaissance und mündlicher Überlieferung

 

Seit Menschen sich verlieben, werden Lieder oder Poesien geschrieben, die an das Herz der oder des Geliebten gerichtet sind. Dies ist seit Jahrtausenden so und wird sich hoffentlich nie ändern. Die Autoren dieser Liebeslieder -und gedichte waren in der Vergangenheit Könige, Troubadoure und Troubadourinnen, fahrende Sänger, Hofkapellmeister, verarmte Dichter und zahllose andere, von denen uns leider keine Spur erhalten blieb. Sie alle haben uns einen unerschöpflichen Reichtum an Dichtung und Musik hinterlassen, dessen früheste Spuren wir im Mittelalter finden. 

 

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann man in Italien, Musik zu drucken und diese als sogenannte "fliegende Blätter" (fogli volanti) auf den Strassen und Gassen zu verkaufen. Schon bald entwickelte sich daraus ein unvorstellbarer "Hunger" der Menschen nach Musik, die sie selbst zuhause oder in sogenannten "musikalischen Zirkeln", von denen es um 1600 allein in Neapel über 100 gab, vortragen konnten. Dieser wurde von zahlreichen Komponisten wie Bartolomeo Tromboncino, Giovan Thomaso di Maio, Johannes Hieronymus Kapsberger, Sbruffapappa, Giovanni Domenico Da Nola und vielen anderen gestillt, die in großen Mengen Lieder schrieben, die relativ einfach und eingängig waren und die vor allen Dingen von einem sprachen: der Liebe.

"Piazza Castello wird zum musikalischen Zentrum Neapels, wie auch die Taverna del Cerriglio und der Scoglio di San Leonardo, wo sich Musiker und Dichter einfinden, um neue Villanellen zu komponieren, die das Volk sich zu eigen machen und auf den Straßen und Festen singen würde." 

Oftmals wurde der eine oder andere dieser Musiker, der besonders großen Zuspruch bei seinem Publikum fand, eingeladen, seine in den Straßen und Plätzen der Stadt längst berühmten Lieder bei Hof vorzutragen. Da diese Kompositionen der "niedrigen Gesellschaftsschichten" ausschliesslich mündlich übermittelt wurden, kam es nicht selten vor, daß Hofmusiker bei solchen Gelegenheiten die gehörten Melodien mitschrieben, um sie anschliessend dem hochmodernen und elitären "flämischen Kontrapunkt" entgegenzustellen und aus dem so gewonnen Material eigene Kompositionen erschufen, die den Moden und Geschmäckern ihrer Zeit entsprachen. Diese Musik barg ein unglaubiches Potenzial in sich und damit hielt die profane "Villanella" (= Bauernmädchen) mit ihren typischen Parallelen in der Melodieführung endlich Einzug in die aristokratische Gesellschaft, und mit ihr Instrumente aus der Volksmusik wie u.a. Colascione und Chitarra battente. 

So entstanden erstmals Liederbücher "für jedermann", oder zumindest für die, die jener Gesellschaftsschicht angehörten, die es sich leisten konnte, sich mit "Lautenspiel" die Zeit zu vertreiben. Diese Sammlungen enthielten u.a. Frottole (= Albernheiten), Canzonen, Ballate, Barzellette (= Witze), Villanellen und Madrigale, die allesamt in ausgiebigster Manier von der Liebe und den dazugehörigen Freuden und Leiden erzählen.

 

1537 druckte der in Venedig ansässige deutsche Buchdrucker "Joannes de Colonia"die erste jemals gedruckte Sammlung von Villanellen. Sie enthält 15 sogenannte "canzone villanesche" (=ländliche Lieder) verschiedener Autoren, die sich über lange Zeit großer Beliebtheit erfreuten. Die Kunst eines Interpreten solcher Lieder bestand darin, sie mit einer solchen Überzeugung, Leichtigkeit, Kunstfertigkeit und zugleich ergreifender Einfachheit vorzutragen, daß sie praktisch zu seinem "Eigentum" wurden. In einer Zeit, in der die Mehrstimmigkeit immer mehr an Bedeutung gewann, galt dieser Stil als die perfekte Wiedergeburt der antiken klassischen Dichtung, bei deren Aufführung es wichtiger war, die oftmals dramatischen Inhalte zu interpretieren, als sich in kunstvollen Umspielungen zu verlieren. Diese Art zu singen war freilich bereits vor der Renaissance in der mündlich überlieferten Tradition des Mittelmeerraumes verbreitet und ist es noch heute.

Athanasius Kircher (1602-1680), ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter, der am Collegium Romanum in Rom lehrte und forschte, dokumentiert in seinem Werk "Magnes sive de arte magnetica opus tripartitum" (Rom 1641) erstmals das Phänomen des "Tarantismo", eines Rituales, bei dem der rasende Rhythmus der "Tarantella", das Gift der Spinne aus dem Körper ihres Opfers treiben soll. Nur eine der vielen Traditionen, die bis in's 20. Jahrhundert und vielleicht sogar bis heute fortleben.

 

So muss man also in der heutigen traditionellen Musik Mittel -und Süditaliens nicht lange nach den Spuren suchen, die diese Lieder hinterlassen haben: der melismatische Gesang, die rhythmischen und harmonischen Modelle, ja sogar einige Musikinstrumente sind praktisch seit dem 16. Jahrhundert ununterbrochen in Gebrauch und fester Bestandteil der Volksmusik. 

 

Das Ensemble Oni Wytars macht sich, gemeinsam mit der römischen Sängerin Gabriella Aiello in diesem Projekt diese zeitlose Poesie "zu eigen" und interpretiert sie – wie gewohnt, auf seine ganz eigene Weise.

 

(Quellen: Aurelio Fierro "Le origini di un canto"; Mimmo Liguoro "I Posteggiatori napoletani", Roberto De Simone "Disordinata storia della canzone napoletana")

 

Ensemble Oni Wytars: 

Gabriella Aiello - Gesang, Kastagnetten // Peter Rabanser - Gesang, Barockgitarre, Ceccola, Chalumeau // Marco Ambrosini - Schlüsselfidel, Mandoline, Maultrommel // Riccardo Delfino - Gesang, Harfe // Michael Posch - Blockflöten // Katharina Dustmann - Perkussion

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